Graffiti bleibt. Egal, ob dreckig oder schön …

1. Juli, 2015 | Ratzepeng

Foto von www.stadt-bild-graffiti.de

Es wäre schade, wenn man nicht mehr darüber reden würde. So viel ist klar. Reden ist der Schlüssel; dies gilt für viele Ecken unseres Lebens. Doch warum gleich so wild, überhitzt und am Ende sogar am Thema vorbei? Worum es geht? In Erfurt tobt die Debatte; und zwar über Betriebstemperatur. Woher diese Wallungen kommen? Es geht mal wieder ans Eingemachte. Alles scheint bedroht: Die Häuser, das Ansehen und irgendwie auch immer die kauffreudigen Touristen. Die Verantwortlichen sind klar. Zwar nicht namentlich aber der Finger – sowohl der erhobene als auch der mittlere – zeigen in die dunkelsten Kapitel einer jeden Stadt: illegale Graffitis. Dagegen möchte – ganz klassisch könnte man sagen – die CDU Position beziehen und zwar deutlich. Aus diesem und sicherlich anderen parteipolitischen Motivationen lädt man für den heutigen Tag (01.07.) zum 1. Erfurter Graffitiforum. Im Zentrum steht der Wunsch eine gemeinsame Strategie zu entwickeln „im Umgang mit dem Problem „illegale Graffiti“, eine Strategie, die allen Beteiligten genügend Raum bietet und die unterschiedlichen Interessen berücksichtigt.“ Geschehen soll dies alles im Dialog. Wenn man sich das Programm und die geladenen Diskutanten hingegen anschaut, wird man das Gefühl nicht los, dass das Thema Dialog bzw. miteinander reden im christlich-konservativen Kosmos eine andere Wichtung hat als gemeinhin üblich. Mit von der Partie sind u.a.:

  • Ein Sachverständiger für die Entfernung von Farbschmierereien und die Durchführung von Prophylaxemaßnahmen
  • Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, der sein von der EU gefördertes Programm vorstellt, welches sich mit dem Thema „Graffiti-Vandalismus im öffentlichen Raum“ beschäftigt
  • Ein Rechtsanwalt für Miet- und Wohneigentumsrecht
  • Die Marketingleiterin der kommunalen Wohnungsgesellschaft Erfurt
  • Leitender Polizeidirektor der Landespolizeiinspektion Erfurt / Polizeioberkommissarin
  • Ein Versicherungsmakler
  • Erfurter Dezernat Bürgerservice und Sicherheit
  • Vertreter des Vorstands Tourismusverein Erfurt e.V.
  • Und ein Kollege, der sich auf professionelle Graffitis, Wandgestaltungen und Designs spezialisiert hat und „seit 2003 als professioneller Sprayer / Sprüher tätig“ ist

Das könnte eine im wahrsten Sinne des Wortes saubere Diskussion werden. Einziges Problem: Es fehlen die, denen man gern ans Leder möchte, den sog. illegalen Graffitimalern. Auch hier wieder ganz klassisch. Man redet lieber über sie als mit ihnen. Wenigstens findet man so schnell Lösungen. Lösungen, die alle gut finden und man anderen Städten zur Nachahmung empfiehlt. Wir tippen mal: Mehr Polizei, mehr Kontrolle, mehr Kameras, mehr harte Strafen. Genau. Das ist eine Strategie, die allen Beteiligten mehr Raum lässt und die unterschiedlichen Interessen berücksichtigt. Da kann man nur froh sein, dass es ‚die Szene‘ niemals nicht interessiert, was in solchen Zirkeln geschnattert, erklärt und prophezeit wird. Vielleicht kriegen das die Verantwortlichen auf den beiden Podiumsdiskussionen (Thema 1: „Ist das Kunst oder wie bekomme ich das weg?“ // Thema 2: „Modell Erfurt“ Wie kann eine Lösung im Kampf gegen  illegales Graffiti für Erfurt aussehen?) auch mal zu hören. Und, dass es kein Dialog ist, wenn man nur mit sich selber spricht. Vielleicht werden aber auch Mistgabeln und Brandsätze gereicht mit denen man dann im Anschluss Jagd auf illegale MalerInnen macht, um ihnen die Beschlüsse des Forums nahezubringen. Vielleicht lässt sich ein solches Exemplar auch auf dem Erfurter Markt festbinden damit auch andere Empörte die Möglichkeit erhalten sich tiefergehend mit ihm über seine Sünden zu unterhalten. Und wenn die Worte und vor allem Argumente fehlen, schleicht man sich einfach oder hinterlässt eine Stiege faules Obst in seinem Gesicht. Naja, die Verantwortlichen werden schon wissen, was sie da aufkochen. Vielleicht ist es aber genau das, was es so unheimlich macht. Bewusstes zündeln am Baum der Vorurteile aka die ‚intellektuellen‘ Wegbereiter für die grobe Nacharbeit. „Hände ab – für illegale Graffitis“; darüber könnten doch die Stadt Erfurt bzw. ihre konservativen Wegbegleiter doch mal ernsthaft nachdenken. PR-Potential hat ein solcher Spruch auf jeden Fall.

Dass es auch ganz anders und viel besser geht, beweist hingegen ein bemerkenswerter Radiobeitrag, der sich dem Thema Graffiti in Erfurt ernsthaft, konstruktiv und ausgewogen annimmt (Zu finden H I E R). So sollte Debatte und Diskussion aussehen. Sachlich und interessiert. Und nicht vollgesogen mit Vorurteilen und halluzinierten Wunschvorstellungen. Wer die schon lange anhaltende Diskussion in Erfurt nicht mehr ertragen kann bzw. auf der Suche nach Argumenten ist oder sich einfach neugierig und aufgeschlossen dem Thema Graffiti in Erfurt widmen möchte, sollte sich auf jeden Fall die Stunde Zeit nehmen und sich die Reportage entspannt ins Ohr stellen. Danke an dieser Stelle an Radio F.R.E.I., Local Times Erfurt und den Redakteur Andreas Kehrer. Warum Herr Kehrer nicht auf einem der Podien sitzt? Gute Frage. Sicherlich wäre es organisatorisch nicht zu leisten gewesen. Danke auch an die Kollektive Offensive, die scheinbar als letzter und einziger Akteur noch die Ruhe im Fahrwasser behält und sich engagiert und vor allem unaufgeregt, in die Diskussion hängt.

Farbenfrohe Tage; egal wo, egal wann.

Reporter Ratzepeng / YO!